„Ostblock-Latino“ mit derben Sprüchen
Parktheater in Bensheim:
Der Komiker Marek Fis jongliert mit Klischees – und baut Barrieren zwischen Polen und Deutschland ab
Rotes Polska-Shirt und ausgebeulte Jogginghose, permanenter Wodka-Durst und ein ebenso langer Durchblutungshöhepunkt zwischen den Beinen: Marek Fis bündelt alle Klischees, die über seine polnischen Landsleute auf dem Markt sind. Und er fährt gut damit. Nicht nur, dass die Zuschauer lachen. Sie rücken sogar ein bisschen enger zusammen.
Im halbvollen Parktheater schlenzte Fis am Sonntag zwei Stunden lang grenzwertige Gags ins Publikum. Auf seiner Tour "Ein Pole legal in Deutschland" gibt er den selbst ernannten Ostblock-Latino, der allein aus der Zufälligkeit des Geburtsorts ein abendfüllendes Gastspiel zaubert.
Als einziger polnischer Comedian in Deutschland kann er uneingeschränkt Klischees breittreten, ohne gleich dafür beschossen zu werden. Das nutzt Fis aus. "Mein Vater hat immer gesagt: Du bist kein richtiger Pole. Zu doof zum Klauen und zu fett zum Weglaufen!" Andererseits sei er zwar Einwanderer und fünf von 25 Jahren total legal im Land. "Ich bin schon länger hier als Angela Merkel", zwinkert er in die ersten beiden Reihen, wo er sich immer wieder Ansprechpartner sucht: Testosteronstrotzende Miniflirts mit weiblichen Zuschauern gehören dazu.
Unter der Gürtellinie - die Jogginghose sitzt erstaunlich hoch - bewegen sich auch die Sprüche von Marek Fis. Deswegen sind sie noch lange nicht schlecht. Er macht Scherze über Heidi Klum, Wolfgang Schäuble und Mario Barth und outet sich dabei als hervorragender Parodist mit einem Faible für absurde Wendungen, die oft haarscharf, aber wirksam an der Erwartungshaltung des Publikums vorbeirauschen. Mal lustig, mal böse. Zu den Deutschen habe er ein insgesamt gutes Verhältnis, "die sind tüchtig, pünktlich und sauber".
Der Zweite Weltkrieg sei zwar keine gute Basis für eine gute Nachbarschaft gewesen, aber mittlerweile habe man sich ganz gut zusammengerauft. "Jetzt sehe ich endlich mal die Gesichter zu den Autos", pflegt er seine Zuschauer zu begrüßen. Eine Grundregel für den umsichtigen Polen: Niemals den genauen Aufenthaltsort verraten.
In Bensheim hörte Marek Fis langen Schlussapplaus. Das ist nicht immer so. Öfter mal sind die Leute, wie er sagen würde, "angepisst" von seinen Sprüchen. Der bühnenerfahrene Ostpole, der über seine Gags manchmal selbst schmunzeln muss, kann das verstehen, aber nicht recht nachvollziehen. Die Rolle ist derb, da schwingt viel Ironie mit. Aber auch eine stille Bewunderung darüber, dass beide Lager, Polen wie Deutsche, heute Dinge offener benennen können als früher. "Ihr habt einen schwulen Außenminister, der kein Englisch kann, und den Sohn einer vietnamesischen Katalogmutter als Gesundheitsminister." Wenn er auf Prominente ballert, ist Marek Fis auf Augenhöhe mit dem Volk - aber nur, um ihm bequem den Spiegel vorhalten zu können.
Nach dem Programm ist der Comedian der erste im Foyer. Autogramme. "Ich hab sie alle drauf." Vor Ansammlungen von Fans hat Wojciech Oleszczak keine Angst. Das sollte umgekehrt genauso sein. Denn eigentlich ist Marek Fis ganz lieb. Er engagiert sich für die Gleichberechtigung Homosexueller und spendet regelmäßig für karitative Einrichtungen. Dann guckt er wieder bedrohlich kalt, schlüpft in die Rolle des halbseidenen Ostblock-Latinos und sagt mit tiefergelegtem polnischen Akzent: "Ist Presse im Saal heut. Hey, schreib' ja gut. Sonst schreibst Du nie mehr wieder!"
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© Bergsträßer Anzeiger, Dienstag, 30.04.2013